
High Agency ist die Fähigkeit, die Realität nach seinen Vorstellungen zu biegen. Oder aber auch die Verweigerung, ein „Das geht nicht“ zu akzeptieren. Der Begriff kommt aus der Tech- und Startup-Szene und beschreibt Menschen die Hindernisse nicht als Stoppschilder sehen, sondern als Umwege. Das Gegenteil, Low Agency, beschreibt Menschen die Probleme verwalten statt lösen. Der Unterschied zwischen beiden ist der Unterschied zwischen jemandem der anfängt und jemandem der dokumentiert.
Was bedeutet High Agency?
High Agency ist keine Technik, keine Methode, kein Framework. Es ist eine Haltung.
Menschen mit High Agency sehen Hindernisse nicht als Stoppschilder, sondern als Umwege. Sie fragen nicht wochenlang nach Erlaubnis. Sie starten mit dem was da ist, finden heraus was funktioniert, und passen unterwegs an.
Das klassische Bild: Wenn die Tür verschlossen ist, klettert jemand mit High Agency durchs Fenster. Ist das Fenster verriegelt, gräbt er einen Tunnel. Und wenn auch das nicht klappt, baut er ein neues Haus mit einer anderen Tür.
High Agency bedeutet nicht Rücksichtslosigkeit oder Cowboy-Mentalität. Es bedeutet Verantwortung für das Ergebnis zu übernehmen, statt für den Prozess.
High Agency - wie nennt man es noch?
High Agency hat viele Namen. Im deutschen Sprachraum reden wir von Machern, Anpackern, Menschen mit Eigeninitiative oder Gestaltungswillen. Manche nennen es Umsetzungsstärke, andere Durchsetzungsvermögen oder einfach Hands-on Mentalität. Die Worte sind unterschiedlich, das Prinzip dahinter ist dasselbe: wer nicht wartet bis jemand anderes anfängt.
Was bedeutet Low Agency?
Low Agency ist das Gegenteil. Und wer auch nur ein paar Jahre in größeren Organisationen oder im klassischen Consulting gearbeitet hat, kennt diesen Modus sehr gut.
Menschen mit Low Agency sehen Hindernisse als Hindernisse. Sie warten auf Freigaben. Sie dokumentieren Probleme ausführlich. Sie halten Prozesse ein, auch wenn die Prozesse nirgendwohin führen.
Das auffälligste Merkmal: wer Low Agency hat, kann dir immer genau erklären warum etwas nicht möglich war. Die Zuständigkeit lag woanders. Der Prozess hat es nicht zugelassen. Das Budget war nicht freigegeben. Das klingt plausibel. Es ist trotzdem die Kapitulation vor dem Hindernis und löst das eigentliche Problem nicht.
Wo kommt der Begriff her?
Der Begriff wurde vor allem durch Eric Weinstein geprägt, Mathematiker und Managing Director von Thiel Capital, der ihn im Kontext von Menschen verwendete die die Welt tatsächlich verändern können. George Mack, Autor und Investor, hat ihn in den letzten Jahren in der Tech- und Startup-Szene populär gemacht und ihn als die wichtigste Eigenschaft beschrieben die man bei einem Mitarbeiter oder Partner haben kann.
Die Idee dahinter ist nicht neu. Was neu ist: dass sie einen Namen bekommt. Und damit sichtbar wird was vorher als „Eigeninitiative“ oder „unternehmerisches Denken“ vage umschrieben wurde.
Low Agency: Das Gesicht des modernen Consulting-Problems
Low Agency sieht so aus: Das Problem ist bekannt. Alle wissen es. Trotzdem passiert nichts.
Stattdessen wird das Problem verwaltet. Es gibt ein Meeting um das Problem zu besprechen. Dann ein Folgemeeting um die Erkenntnisse aus dem ersten Meeting zu strukturieren. Dann eine Präsentation über das Problem, 200 Seiten, mit Benchmark-Vergleichen und Best-Practice-Empfehlungen aus der Branche.
Und am Ende, wenn immer noch nichts passiert ist, kommt der Satz der alles zusammenfasst: „Der Prozess hat es leider nicht zugelassen.“
Das ist Low Agency in Reinform. Das Problem ist nicht die fehlende Intelligenz oder der fehlende Wille. Das Problem ist die Grundüberzeugung, dass Hindernisse Hindernisse sind. Nicht Umwege.
Die Tech-Welt hat einen Namen dafür. Wir haben zwei.
Die Tech-Szene nennt es High Agency, ist aber noch nicht so sehr verbreitet. Wir nennen es MacGyver trifft Chuck Norris.
- MacGyver: Kreative Problemlösung mit dem was da ist. Kein Lamentieren über fehlende Ressourcen. Einen Ausweg finden, immer.
- Chuck Norris: Keine Ausreden. Es wird gemacht. Nicht dokumentiert, gemacht.
Das ist unser Standardmodus. Kein Selbstbild, keine Marketing-Aussage. Einfach die Art wie wir arbeiten.
Wenn wir in ein Unternehmen kommen, fragen wir nicht sechs Wochen lang nach Zugängen und Freigaben. Wir schauen was kaputt ist, klären wer die Entscheidungen treffen kann, und fangen an. Schatten-IT die sich über Jahre angesammelt hat? Datensilos die keiner anfasst weil es zu komplex wirkt? Systeme die aneinander vorbeilaufen? Das sind keine unüberwindbaren Probleme. Das sind Tunnel die noch nicht gegraben wurden.
Warum High Agency in Organisationen selten der Standard ist
High Agency ist nicht selbstverständlich. Gerade nicht in gewachsenen Strukturen.
Denn Organisationen belohnen oft genau das Gegenteil. Wer auf Erlaubnis wartet, ist abgesichert. Wer handelt, trägt das Risiko. Wer einen neuen Weg geht, muss ihn erklären und verteidigen. Wer den alten Weg geht, auch wenn er nirgendwohin führt, kann zumindest sagen er hat den Prozess eingehalten.
Das ist kein Vorwurf. Das ist ein Systemfehler. Und genau deshalb kommen viele zu uns: nicht weil intern niemand das Problem lösen könnte, sondern weil das System es nicht zulässt.
Wir kommen von außen. Wir tragen das politische Risiko nicht. Wir haben keine Geschichte mit dem Problem. Und wir fragen nicht ob wir dürfen, sondern ob es sinnvoll ist.
Woran erkennst du High Agency im ersten Gespräch?
Es gibt ein paar Signale die man früh sieht. Nicht in CVs, nicht in Referenzlisten. Im Gespräch.
Jemand mit High Agency redet über Dinge die er angepackt hat, nicht über Dinge die er analysiert hat. Er beschreibt Hindernisse die er umgangen hat, nicht Prozesse die er eingehalten hat. Wenn du ihn fragst was er tun würde wenn er nicht darf, antwortet er sofort. Wer zögert oder anfängt über Zuständigkeiten zu reden, hat die Antwort schon gegeben.
Ein anderes Signal: wie jemand mit „Das geht nicht“ umgeht. Jemand mit High Agency hört es, nickt kurz, und fragt dann: „Warum nicht? Und was wäre nötig damit es doch geht?“ Jemand mit Low Agency nickt, schreibt es auf, und trägt es ins nächste Statusmeeting.
Und das klarste Signal von allen: wer in einem ersten Gespräch schon anfängt Lösungen zu skizzieren, statt nur Fragen zu stellen um Zeit zu kaufen.
High Agency ist kein Talent. Es ist eine Entscheidung.
Die Entscheidung, ein Hindernis als Umweg zu sehen statt als Ende. Die Entscheidung, anzufangen statt zu warten. Die Entscheidung, Verantwortung für das Ergebnis zu übernehmen statt für den Prozess.
Wer genau das sucht und sein Problem wirklich vom Tisch haben will: lass uns reden. Wer lieber noch einmal ausführlich über das Problem sprechen will, ist bei den klassischen Beratern gut aufgehoben.
— Robert
